Corona-Krise: Popmagazin „Spex“ - Aus nach 40 Jahren
Ein Hoffnungsschimmer bleibt
Damit endet eine 40 Jahre währende musikjournalistische Institution. Und nach dem Berliner Stadtmagazin „Zitty“ ist es das zweite Kult-Medium aus der Hauptstadt, das in Folge der Coronakrise die Segel streichen muss. Der „Spex“-Redaktion um Chefredakteur Dennis Pohl musste gekündigt werden. Der Ausblick auf die Zukunft, der einen letzten Schimmer Hoffnung lässt, klingt mehr als vage: „Wir hoffen zwar auf einen Restart im Herbst, wollen euch aber keine falschen Versprechungen machen.“ Online-Abonnenten können derweil weiter das Archiv sowie weitere Zeitschriften aus dem Verlagshaus Piranha Media nutzen und werden gebeten, ihren Bezug (noch) nicht zu kündigen, können das aber natürlich tun.
Die 1980 in Köln gegründete „Spex“ stand lange Zeit für eine fast schon vermessene publizistische Utopie: Es ging zum einen darum, der Popularmusik mit Mitteln der Diskursanalyse zu Leibe zu rücken. Andersherum stand dieser spezielle Journalismus auch für den – größenwahnsinnigen oder nicht – Anspruch, durch die Brille der Musik einen Zugriff auf die großen gesellschaftlichen Fragen der Zeit zu bekommen. Damit war die Zeitschrift in den frühen 90er-Jahren quasi das Haus- und Hof-Blatt der Diskursrock-Generation mit Bands wie Blumfeld, Tocotronic und Co. aus dem Umfeld der Hamburger Schule. Vor allem aber war die „Spex“ ein journalistisches Laboratorium, dem etliche Talente entstiegen sind: Jan Kedves, Dietmar Dath, Diedrich Diederichsen oder der einflussreiche Fotograf Wolfgang Tillmans, um nur einige zu nennen.
Abgeschrieben wurde die „Spex“ von den Anhängern der Anfangstage immer wieder. Schon als die Zeitschrift zum Beginn des Jahres 2000 in den Besitz des Verlagshauses Piranha Media wechselte und die Redaktion in Folge dessen einige Jahre später von Köln nach Berlin umzog, witterten viele einen Ausverkauf. Piranha Media zeichnet neben der Herausgeberschaft weiterer Pop-Zeitschriften wie der „Groove“ auch für einige Publikationen im Auftrag großer Unternehmen verantwortlich. Weil sich die damalige Redaktion gegen die Übernahme- und Umzugspläne aussprach, wurde sie von Piranha Media kurzerhand entlassen – und 2007 durch ein neues Team um Chefredakteur Max Dax ersetzt.
Die „Spex“ war auch ein musikjournalistisches Generationsprojekt; groß geworden mit den damals vorherrschenden Trends Punk und New Wave. Die Zeitschrift, die in den Anfangsjahren spartanisch und einfach wie ein Fanzine in Schwarz-Weiß-Optik daherkam, richtete sich an Musikkonsumenten, die sich nicht mehr mit den bombastischen Rock- und Glamour-Exzessen der 70er-Jahre identifizieren konnten. Der Name „Spex“ wurde der feministischen englischen Punkband X-Ray Spex entliehen.
Das Redaktionskollektiv der Anfangsjahre um Peter Bömmels und Clara Drechsler arbeitete sich in langen, theorielastigen Beiträgen ab an überkommenen Geschlechterverhältnissen, Rockstar-Gehabe und vermeintlich selbstverliebten, zu langen Gitarrensoli. „Die „Spex“ war die deutsche Antwort auf den Punk-Boom, der im Musikgeschäft viele überreife Früchte vom Baum schüttelte: Den akademischen Progressive-Rock ebenso wie die Glam-Rock-Bands oder die exaltierte Disco-Welle.
Mit der Zersplitterung popkultureller Diskurse in einzelne Szenen und Sub-Genres fing der inhaltliche Niedergang der „Spex“ an. Neuere musikalische Trends wie den Techno hat die „Spex“ schon Ende der 90er-Jahre zwar nicht gerade verschlafen, sie gehörte aber plötzlich nicht mehr zur Speerspitze der journalistischen Avantgarde. Die Abwärtsspirale setzte sich fort mit dem Rückgang von verkauften Auflagen und Anzeigen in Folge der Konkurrenz durch Neue Medien.
Wer in diesen Tagen den Begriff „Spex“ googelt, landet mit dem ersten Eintrag immer noch auf der – stillgelegten – Homepage des Magazins. Dann aber taucht schon ein Online-Brillenanbieter gleichen Namens auf. Die Zeit geht über vieles hinweg, auch über Institutionen.
Statement der Piranha Media GmbH zum Aus der Zeitschrift: www.spex.de
Über Pop, Moden, Diskurse und Gesellschaftstheorie
Wer die Wut und die Abneigung, aber auch die Begeisterungsfähigkeit und Neugier der frühen "Spex" verstehen möchte, lese nur einmal in Diedrich Diederichsens Jahre später geschriebenes Standardwerk "Über Pop-Musik" (Kiepenheuer & Witsch, 2014, 474 S. 39,99 Euro) hinein. Unverkennbar waren Autoren wie Diederichsen getrieben von einer Neigung zur gesellschaftspolitischen, manchmal gar philosophischen Überhöhung popkultureller Phänomene. ⇥bkr







